Vampire State Building

Aufgenommen im Studio Wümme (Heide), 1971

  •  Simple Headphone Mind 9:56
  •  Your Chance of a Lifetime 5:05
  •  Where the wild Things are 3:03
  •  Vampire State Building 13:10
  •  Piss off 3:16
  •  Change will come 6:10 (Bonus Track)
Vampire State Building -  Alcatraz

Die Band hatte sich erst mal gefunden. Mit fünf Musikern und dem 21jährigen Manager Willy Jahnke. Junge Angeber mit langen Haaren und jeder Menge Illusionen. Geprägt vor allem vom subkulturellen Anführer aus den Elbvororten, Rüdiger Rübe Berghahn. Typ Apo-Student, der schwer was her machte mit langer schmieriger Lockenmatte, zerfransten Anglerstiefeln, dreckigen Jeans und ausgefeilter Szenesprache.

 

Flankiert von vier proletarischen Jungs: Zwei Handwerkerlehrlinge von der Lepra-Insel Finkenwerder im Alter von 17 und 19 (Klaus Holst und Ronny Wilson). Ein Lehrling aus dem Provinzdorf Wedel (Klaus Nagurski), der seine Querflöte vorher im Spielmannszug des Fußballvereins gespielt hatte. Und der Proletensohn am Schlagzeug, der immerhin die Oberschule besuchte und nicht wusste, wohin mit seinen Aggressionen und Antipathien.

 

Manager Willy brachte Live-Gigs in beachtlichen Ausmaßen. In Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Hessen. In gemieteten Stadhallen, Stadttheatern, Kinos, Gemeindehäusern, Discos. Und Tourneen mit angesagten Bands. Hardin and York, Kraftwerk/Neu, Birthcontrol, Ekseption.

Im Studio Wümme arbeitete parallel neben Alcatraz auch die Band „Faust“ an ihren schrägen Sachen. Und die sahen noch viel verwegener aus. Die Folge in der Startphase der westdeutschen Terroristenhatz: Gute Bürger des Heide-Ortes schoben Panik und in Nullkommanichts besetzte ein Einsatzkommando den ganzen ehemaligen Bauernhof, der jetzt Studio war. Es wurde bei Alcatraz gerade das Schlagzeugsolo von Vampire Statebuilding aufgenommen, als sich einer mit Helm und MP im Anschlag vor dem Drumset postierte... man konnte natürlich im Laufe des Tages die Unschuld der Band nachweisen.

 

Der Produzent der LP, Jimi Boyks, der mit der Alcatraz-Produktion die Firma wechselte, von Metronome zu Philips, verstarb in den frühen 80ern an Malaria. Der Drummer erfuhr das später während einer Kurierfahrt für Metronome.

 

Musikalisch und stilistisch kam bei „Vampire Statebuilding“ alles zusammen, was die beteiligten Musiker liebten und kaum spielen konnten. Einflüsse querbeet. Zusammengetragen in Übungssessions im Wedeler Jugendzentrum mit großem Publikumsbesuch. Selbst das Üben war überwiegend Performance.

 

Und die wesentlichen Einflüsse und Vorgaben? Alles was nicht zusammenpasste und gerade mal wieder die gesamte Szene veränderte. Produktionen dieser Art waren an der Tagesordnung um die 70er Jahrzehntwende, wo Jazz und Rock sich trafen. Die Beatles gingen gerade unter, die Stones müde, der starke englische Bluesrock (Mayall) ging zu Ende, die Tode von Hendrix, Joplin, Morrison... dafür kamen Soft Machine, King Crimson, Keith Tippett, Yes, Keef Hartley Band, Colosseum, Ten Years After. Von Amerika kam der elektrische Jazz: Miles Davis und seine Jünger. Und der gnadenlose deutsche Freejazz. Und Deep Purple, Led Zeppelin, Black Sabbath. Und die baumstarken Fusion-Bastarde: Tony Williams Lifetime, John McLaughlin, Larry Coryell, Carla Bley.

 

Von alledem spielte Alcatraz willkürlich eine Zusammenfassung mit schwer erkennbarem Profil. Spielerisch völlig überfordert, aber mit gesundem (?) Selbstbewusstsein und Leck-mich-am-Arsch-Haltung. In Itzehoe wurde die Band wegen ausufernder Improvisationen vom Besitzer während des Gigs vor Tür gesetzt („Das ist ja nicht zum Aushalten! Ihr vergrault mir hier die Besucher!“).

 

Dann wurde der Trommler zum Bund gerufen. Man gründete eine GbR, um das abzuwenden. Es gab einen Prozess „Jan Rieck gegen Bundesrepublik Deutschland“ mit dem Versuch, die Bundeswehrberufung aufzuheben. Der Prozess ging verloren. Präzedenzfall Achim Reichel von den Rattles. Die hatten das Jahre vorher auch schon vergeblich versucht. Was Alcatraz nicht gewußt hatte...

 

Das Bonusstück „Change will come“ entstand im Windrose-Studio 1972 während dieser Bundeswehr-Phase.