Die 90er Jahre

Phama, Kann und Rieck war der Stil auf Dauer allerdings etwas zu konventionell. Man trennte sich von Holst und Brandes und startete mit wesentlich radikaleren Neu-Kompositionen durch, die irgendwo zwischen freiem Jazz, hartem Speed-Punk und der Gothic-Lyrik von Waits und Cave lag. Man traf auf den Gitarristen Matthias Petzel, der seinerseits Einflüsse einbrachte zwischen Punk/Wave und Zappa. Das Live-Programm, das daraus entsprang, war bis dahin das wohl brachialste der Alcatraz-Geschichte.

Und genauso brachial kam 92 die nächste stilistische Neuorientierung. Es lief durch die jetzt laufende und immer intensiver werdende Zusammenarbeit zwischen Mike Kann und Jan Rieck eben auf die volle Dominanz dieses Duos hinaus, das dann entweder teilweise zu zweit auftrat, auch in Form von hinzugefügten Bilderaus­stellungen von Mike Kann oder Dichter­lesungen von Jan Rieck… oder man baute alte Freunde als Gäste mit ein.

Hier erscheint vor allem der Bläser des Jazz-Trios von 86-88, Hannes Wienert auf der starken CD „Gothic-Jazz: Last Station“, wo Mike Kann erstmalig auch als Lead-Vocalist auftritt, zusammen mit einem solistisch orientierten Effekt-Bass. Bei Live-Auftritten auf größeren Rock-Open-Air-Festivals erschien als dritter Mann in der Regel wieder Klaus Holst (git).

Downtown Wedel 1992


Kann und Rieck erhielten dieses Multimedia-Konzept bis 1996. Dann traten v.a. auf Initiative von Rieck wieder härtere Rockelemente in den Mittelpunkt. Dies passierte vor allem durch den Einfluss der neuen weltweiten kreativen Rock-Szene aus Grunge, Hard-Core, Thrash-Metal, Gothic, Rap-Crossover. Dass diese Elemente doch wieder eine neue Fusion bei Alcatraz fanden mit älteren Elementen (Crimson, Zappa, Stones) lag auch an der Rückkehr alter Mitglieder zu einer Neuzusammenführung: Phama John (voc, sax), Klaus Holst (git), Matthias Petzel (git) sowie Mike Kann (bs, voc) und Jan Rieck (dr).

Man spielte die CD „Holm“ ein. Musikalisch ein sehr kräftiges Werk mit deutschen (Phama) und englischen (Mike) Texten. Phama John übernahm gleichzeitig die Studiotechnik und die gesamte Aufnahmeleitung. Es kam beim gemeinsamen Abhören der Zwischenergebnisse des Sound-Mixes zu deutlichen Meinungs­verschie­den­heiten, und der gesamte Mix erstreckte sich katas­trophaler­weise über zwei Jahre, was das Bandgefüge nicht überstand. Alcatraz trennte sich exakt im Jahr der Herausgabe der CD „Holm“ im Jahr 1998.

Alcatraz 1996


Fotos: Alcatraz-Archiv (2), Studio Thumser (2)